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Geschäftsprozessoptimierung als Voraussetzung für IT-gestützte Vorgangsbearbeitung
ein Beitrag von Harald Wendler, Finanzbehörde Hamburg auf dem Anwenderforum 1997
"Ein Prozess ist eine
aufeinanderfolgende Reihe von Handlungen (Teilprozessen) mit einem
definierten Anfang und Ende sowie einem messbaren Ergebnis."
Ein Geschäftsprozess lässt sich wie folgt näher konkretisieren:
Es handelt sich um einen
Prozess, mit dem Zwecke Dritter (Kunden, Bürger etc.) erfüllt werden
sollen und diese deshalb auch zu Prozess-"Beteiligten" gemacht werden.
Wesentliche Merkmale eines Geschäftsprozesses sind:
- Die Kundenorientierung (hier sind auch verwaltungsinterne "Kunden" gemeint) und
- die Erreichung eines Nutzeneffekts (für den Kunden und die Organisation selbst).
In Abgrenzung zu dem
Begriff der Arbeitsabläufe zeichnet sich der Prozessbegriff durch eine
höhere Komplexität und eine gezielte Erfolgsorientierung aus. Die
Optimierung von Geschäftsprozessen ist mehr als das, was wir bisher
schon klassisch im Rahmen der Ablauforganisation gestaltet haben.
Während Abläufe bisher eher funktionsorientiert betrachtet und
entsprechend organisiert wurden, sind Geschäftsprozesse produkt- und
damit kundenorientiert. Die Abkehr vom funktionsorientierten Denken hin
zum prozessorientierten Denken ist daher wesentliche Voraussetzung für
die effektive Gestaltung von Geschäftsprozessen. Insofern sind die
Aktivitäten zur Geschäftsprozessoptimierung ein wichtiger Teil des
Verwaltungsreformansatzes im Rahmen des Neuen Steuerungsmodells, denn
die dort definierten Produkte sind in effektiver Weise, d.h. in
optimierten Geschäftsprozessen zu erstellen.
Theorien zur Geschäftsprozessoptimierung
Im folgenden wird auf zwei grundsätzlich unterschiedliche Ansätze für die Geschäftsprozessoptimierung eingegangen:
- der radikale Weg des Business (Process)Reengineering (BPR) nach Hammer und Champy
- und die behutsamere Vorgehensweise des Kontinuierlichen Verbesserungsprozesses (KVP)
Business Reengineering
Das Business Reegineering nach Hammer und Champy ist ein fundamentales Überdenken und radikales Redesign von Unternehmen oder wesentlichen Unternehmensprozessen. Dabei bedeutet fundamental,
dass die Frage des "Was und Warum" vor dem "Wie" stehen muss - ein
Denkansatz, der auch im NSM bei der Produktdefinition eine wesentliche
Rolle spielt. Außerdem soll sich die Reorganisation nicht nur auf
Teilbereiche, sondern auf das ganze Unternehmen oder mindestens auf die
wesentlichen Unternehmensprozesse beziehen. Radikal bedeutet
für Hammer und Champy, dass im Prinzip "ganz von vorne" angefangen wird
und bestehende Abläufe und Strukturen grundsätzlich in Frage zu stellen
sind.
Insgesamt ist dem Ansatz
anzumerken, dass er erstens für Unternehmen der freien Wirtschaft und
zweitens speziell auch für amerikanische Verhältnisse konzipiert wurde.
Nach Hammer und Champy geht es beim Business reengineering um eine Verbesserung um Größenordnungen
und nicht darum, die bestehenden Abläufe nur inkremental (d.h. in
kleinen Schritten) zu verbessern. Die Erfahrungen, die in der Praxis
mit diesem Ansatz gemacht wurden, zeigen jedoch, dass selbst Unternehmen
der freien Wirtschaft nur mit Einschränkungen den Weg des völligen
Neuanfangs "auf der grünen Wiese" gehen können. Dies gilt um so mehr
für die öffentliche Verwaltung, da hier im besonderen durch die
rechtsstaatliche Bindung nicht beliebig alle bestehenden Regeln über
Bord geworfen werden können. Auch hat sich gezeigt, dass das
Menschenbild bei Hammer und Champy nur bedingt den tatsächlichen
Gegebenheiten entspricht. Dennoch bietet der Ansatz wichtige Ideen,
Methoden und Denkanstöße, die auch bei allen anderen Formen der
(Unternehmens)Reorganisation von Bedeutung sind bzw. sein können.
Kontinuierlicher Verbesserungsprozess (KVP)
Die Theorie des KVP ist
die europäische Variante des sogenannten japanischen Weges (KAIZEN).
Sie beschreibt eine systematische Vorgehensweise zum Erkennen und
Beseitigen von Verschwendung sowie zur Verbesserung der Arbeitsprozesse
und des Arbeitsumfeldes.
Nach dem Motto "Der Weg
ist das Ziel" setzt KVP auf ständige kleinere Verbesserungen der
Geschäftsprozesse anstelle einer grundlegenden Innovation bzw.
Reorganisation. Das unterscheidet KVP vom BPR. Die Gemeinsamkeit mit
dem BPR und damit das Neue gegenüber den herkömmlichen
Organisationsverfahren ist jedoch die Prozessorientierung und damit die
Abkehr vom Funktionsdenken.
Außerdem bezieht KVP den
Menschen stärker in den Veränderungsprozess mit ein. Die Nutzung des
kreativen Potentials aller Mitarbeiter/-innen ist eine wesentliche
Voraussetzung für die Qualität und für die Akzeptanz der veränderten
Geschäftsprozesse. KVP setzt daher auf teamorientierte Problemlösungen
(z.B. Qualitätszirkel) unter Einbeziehung der jeweils vor- und
nachgelagerten Ebenen und auf Delegation von Kompetenz und
Verantwortung.
Der Weg der kleinen
Schritte auf der Basis der bestehenden Geschäftsprozesse erfordert im
Gegensatz zum BPR eine systematische Problemanalyse. Dabei muss jedoch
der Gefahr begegnet werden, in der Analysephase steckenzubleiben. Eines
der Grundprinzipien des KVP ist daher die sofortige Umsetzung von
Teillösungen als notwendige Voraussetzung zur Erhaltung und
Verbesserung der Motivation aller Beteiligten.
Der Ansatz des KVP ist
insgesamt weder revolutionär noch radikal, sondern hat sich aus
langjährigen Erfahrungen gebildet. Insofern ist der Ansatz wesentlich
praxisorientierter als der des BPR und berücksichtigt in größerem Maße
die Probleme, die bei der Reorganisation von Unternehmensprozessen
auftreten.
Unser Weg
Mit ProBüro haben wir in
der Finanzbehörde begonnen, unsere Geschäftsprozesse und unsere
Arbeitsumgebung im Sinne des teamorientierten KVP-Ansatzes systematisch
zu verbessern. Dazu gehören:
- Wechsel vom funktionsorientierten Denken zum prozessorientierten Denken
- Schaffung von Akzeptanz für Veränderungen auf allen Hierarchieebenen
- systematische Erfassung und Analyse unserer Geschäftsprozesse
- teamorientierte Problemlösung unter Nutzung des kreativen Potentials aller Mitarbeiter
- sofortige Umsetzung von erarbeiteten Lösungen
- Weg der kleinen Schritte
Wir stehen am Anfang des
Weges, der auch gleichzeitig das Ziel ist. Geschäftsprozesse sind nicht
statisch. Sie unterliegen einer ständigen Veränderung und werden daher
auch ständig verbessert werden können und müssen. Der wirkliche Weg und
das Ziel ist es daher, diesen Veränderungsprozess als
institutionalisierte Aufgabe zu begreifen, systematisch dabei
vorzugehen, Akzeptanz zu fördern, die Motivation der Mitarbeiter/-innen
zu fördern und ihre Kreativität in den Veränderungsprozess mit
einzubringen. Die an sich nicht wertschöpfenden Tätigkeiten der
Analyse, Darstellung und Beschreibung der Geschäftsprozesse werden
dabei als notwendiges und sinnvolles Mittel zur Erreichung des Ziels
gesehen.
Das grundsätzliche Vorgehen von ProBüro bei der Geschäftsprozessoptimierung gliedert sich in folgende Phasen:
- Identifizierung und Auswahl der Geschäftsprozesse (Vorbereitungsphase),
- Erhebung und Darstellung der Geschäftsprozesse (Erhebungsphase),
- Prozessoptimierung (Analyse- und Optimierungsphase),
- Umsetzung der Optimierung (Umsetzungsphase) sowie
- Dokumentation und Verwaltung der Geschäftsprozesse (Administrationsphase)
Tool-Unterstützung
Der tatsächliche
Arbeitsablauf mit einem GPO-Tool vollzieht sich in folgender Weise:
Zunächst wird grundsätzlich die Grafik erstellt. Dabei werden die
Symbole benannt, Verbindungen zwischen den Symbolen gezogen und ggf.
Anmerkungen zu den Symbolen verfasst. Jede Funktion, bzw. Entscheidung
hat außerdem eine fortlaufende Nummer, die der Identifizierung dient.
Abbildung 1: Beispiel zu grafischen Darstellung der Geschäftsprozesse

Geschäftsprozesse haben
immer einen definierten Anfang und ein Ende. Im obigen Beispiel möchte
der Kunde/Bürger einen Bescheid (Ende) erhalten, der für ihn einen
Nutzen hat (z.B. Baugenehmigung). Deshalb reicht er einen Antrag ein
(Start). Dieser Antrag wird von der Verwaltung in einem Geschäftsprozess
bearbeitet. Das Produkt wäre in diesem Fall z.B. die Baugenehmigung.
Aus der Grafik ist der Prozess zur Erstellung dieses Produktes leicht
nachvollziehbar. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Prozesse
komplexer sind als der oben gezeigte fiktive Prozess.
Die grafische
Information werden in eine Datenbank zu übertragen. Dadurch ist es
möglich, alle Informationen, die nicht in der Grafik darstellbar sind
bzw. sein sollen, trotzdem in systematischer Form zu erfassen und
später für unterschiedliche Zwecke nutzbar zu machen. So können den
Funktionen und Entscheidungen z. B. weitere Arbeitsschritte, interne
Informationen, Verantwortlichkeiten, Schwachstellen, Zeiten usw.
zugeordnet werden (siehe Abbildung 2).

Ein GPO-Tool kann die
Vorgehensweise bei der Geschäftsprozessoptimierung wirkungsvoll
unterstützen. Der Vorteil der Software besteht darin, dass sie
methodisches Arbeiten erleichtert, ohne die Methodik zur absoluten
Vorgabe zu erheben.
Die Software sollte in
ihrer Funktionalität nicht überbewertet werden. Die intensive
Auseinandersetzung mit den Geschäftsprozessen wird nicht hinfällig,
sondern in erster Linie (auch strukturiert) unterstützt. Ohne
Kreativität, Gestaltungswillen und Einbeziehung der Prozessbeteiligten
ist sie nutzlos. Es darf nicht erwartet werden, dass nach der Erfassung
von Daten in einem derartigen Werkzeug am Ende quasi automatisch die
optimalen Prozesse "herausfallen".
Generelle Erfahrungen
Überraschend war die
positive Grundeinstellung aller an der Geschäftsprozessoptimierung
beteiligten Mitarbeiter/-innen. Alle Sitzungen fanden in einer
aufgeschlossenen, kreativen Atmosphäre statt. Es ist gelungen, deutlich
zu machen, dass Kritik an den bestehenden Abläufen keine Kritik an der
Arbeit einzelner Beteiligter ist, sondern dass Verbesserungen am
gesamten Geschäftsprozess erreicht werden sollen. Dies spiegelt die
besondere Bedeutung der Teamorientierung im Rahmen des KVP-Ansatzes wider. Die Akzeptanz
der Geschäftsprozessoptimierung wird durch die intensive Einbeziehung
der unmittelbar am Prozess Beteiligten entscheidend befördert.
Die Notwendigkeit der
grafischen Umsetzung bestimmte den Gesprächsverlauf. Durch die
Moderationstechnik (Metaplan, Folien) wurden die Sitzungen
strukturiert. Anfang (Startbedingung) und Ende (Produkt) des Prozesses
wurden definiert. Da der Weg dahin durch die Exaktheit einer grafischen
Methode beschrieben werden musste, ergaben sich immer wieder
Zwischenfragen, die die Unschärfen einer verbalen Beschreibung
ausräumen konnten. Die Grafik war daher nicht nur bestimmend für das
Ergebnis, sondern auch für die Vorgehensweise und beförderte zudem auch
den Übergang vom funktionsorientierten Denken zum prozessorientierten Denken als wesentliches Merkmal der Geschäftsprozessoptimierung bzw. des KVP-Ansatzes.
Schon die IST-Analyse
hat daher u.E. zu einem Erkenntnisgewinn für die Beteiligten
beigetragen. Auch die durch den Tooleinsatz gegebene Möglichkeit, das
Sitzungsergebnis spätestens nach zwei Tagen ausführlich zu
dokumentieren, war für die Akzeptanz der Arbeit von Vorteil. Die systematische Erfassung und Analyse der Geschäftsprozesse als
weiteres Merkmal des von ProBüro verfolgten KVP-Ansatzes hat jedoch
nicht nur für die direkt beteiligten Mitarbeiter/-innen
(Sachbearbeitung, tw. Referatsleitungen) zu einem Erkenntnisgewinn
beigetragen, sondern auf Grund der leichten Nachvollziehbarkeit der
Ergebnisse wurde auch die Schaffung von Akzeptanz für Veränderungen auf allen Hierarchieebenen befördert, so
auch bei den Entscheidungsträgern (z.B. Abteilungs- und Amtsleitungen).
Dadurch wird ein weiteres wesentliches Merkmal des KVP-Ansatzes
unterstützt, die sofortige Umsetzung von erarbeiteten Lösungen, auch wenn dabei ggf. der Weg der kleinen Schritte eingeschlagen werden muss.
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